Roggen neu entdeckt: Wie ein uraltes Getreide die deutsche Brotszene aufmischt
Photo by Photo by Jonathan Pielmayer on Unsplash on Unsplash
Es gibt Dinge, die kommen und gehen. Und dann gibt es Roggen. Jahrtausende lang war dieses robuste Getreide das Fundament der deutschen Brotkultur – auf kargen Böden gewachsen, in rauen Klimazonen gediehen, von Generationen zu dunklem, saftigem Brot verarbeitet. Irgendwann rutschte Roggen dann in die zweite Reihe, verdrängt von hellem Weizenmehl und dem Versprechen fluffiger Brote. Doch jetzt ist er zurück. Und diesmal mit Ansage.
Vom Bauernbrot zum Trendprodukt
Wer sich in der Brotszene umschaut – ob auf Instagram, in Fachzeitschriften oder auf Märkten mit handwerklicher Ausrichtung – stößt immer öfter auf dunkle, aromatische Laibe mit hohem Roggenanteil. Berliner Bäckereien führen wieder klassische Schrotbrote, Münchner Hofläden preisen alte Roggensorten an, und in Foren für Hobbybäcker boomt der Austausch über Roggensauerteig wie nie zuvor.
Das ist kein Zufall. Der Roggen profitiert von mehreren Trends gleichzeitig: dem wachsenden Interesse an regionalen Lebensmitteln, der Sehnsucht nach echtem Geschmack statt industrieller Einheitskost, und nicht zuletzt dem neuen Bewusstsein für Nährstoffdichte. Roggen bringt nämlich bemerkenswert viel mit.
Was Roggen ernährungsphysiologisch so interessant macht
Verglichen mit Weizen hat Roggen eine deutlich höhere Ballaststoffdichte, was den Blutzucker stabiler hält und länger sättigt. Außerdem enthält er nennenswerte Mengen an B-Vitaminen, Magnesium und Zink. Besonders spannend: Roggen enthält Arabinoxylane – spezielle Kohlenhydrate, die als Präbiotika wirken und die Darmflora unterstützen.
Natürlich macht niemand sein Brot ausschließlich wegen der Nährwerttabelle. Aber es ist schön zu wissen, dass das, was gut schmeckt, auch gut für einen ist. Und Roggenbrote schmecken nun mal nach etwas. Nach Erde, nach Würze, nach echter Substanz. Wer einmal ein frisch gebackenes Roggenmischbrot mit echter Kruste gegessen hat, versteht sofort, warum diese Tradition so lange überlebt hat.
Die Sorten, die fast niemand mehr kennt
Einer der spannendsten Aspekte des Roggen-Revivals ist die Wiederentdeckung alter Sorten. Während die Landwirtschaft jahrzehntelang auf Hochertragssorten gesetzt hat, kämpfen Saatgutbanken, Demeter-Höfe und engagierte Getreidezüchter dafür, alte Linien zu erhalten.
Da wäre zum Beispiel der Champagner Roggen, eine alte deutsche Sorte mit besonders feinem Aroma, die fast vollständig aus dem Anbau verschwunden war. Oder der Waldstaudenroggen, ein Urgetreide, das sich durch seine natürliche Ährenbrüchigkeit selbst aussät und kaum Pflanzenschutz braucht – ein Traum für nachhaltige Landwirtschaft. Im Norden Deutschlands erlebt der Probsteier Roggen aus Schleswig-Holstein eine kleine Renaissance, gefördert durch regionale Initiativen, die Sortenvielfalt als Kulturgut begreifen.
Für Hobbybäcker ist der Zugang zu diesen Sorten heute einfacher als je zuvor. Über Plattformen wie Dreschflegel oder verschiedene Naturkostläden lassen sich Mehle aus alten Roggensorten bestellen – und der Unterschied im Geschmack ist tatsächlich spürbar.
Warum Roggen backen eine eigene Kunst ist
Mit Roggen zu backen ist nicht dasselbe wie mit Weizen zu backen. Das muss man verstehen, bevor man anfängt. Roggenmehl enthält kaum Gluten in der Form, die Weizenteige so elastisch macht. Stattdessen enthält es Schleimstoffe (Pentosane), die Wasser binden und dem Teig eine ganz eigene, klebrige Konsistenz geben.
Das bedeutet: Roggenteige werden nicht geknetet, sondern gerührt oder geschlagen. Sie fühlen sich anders an, verhalten sich anders, und sie brauchen fast immer Säure – also Sauerteig – um vernünftig aufzugehen und nicht zu klitschig zu werden. Der Sauerteig aktiviert bestimmte Enzyme, die sonst die Krume ruinieren würden.
Genau das macht Roggenbrot so untrennbar mit dem Sauerteig verbunden. Wer Roggen backt, kommt am Sauerteig kaum vorbei. Und wer einmal seinen eigenen Roggensauerteig angesetzt hat, wird schnell merken: Der entwickelt einen ganz anderen Charakter als ein Weizenstarter. Kräftiger, erdiger, lebendiger irgendwie.
Was Profibäcker heute anders machen
Interessant ist, wie sich das handwerkliche Bäckerhandwerk zum Roggen verhält. Viele kleine Bäckereien, die sich in den letzten Jahren neu aufgestellt haben, setzen bewusst auf hohe Roggenanteile – nicht als Nostalgiestunt, sondern als echtes Qualitätsmerkmal.
Einige experimentieren mit mehrstufiger Sauerteigführung, bei der verschiedene Temperaturen und Hydrationsstufen nacheinander durchlaufen werden, um ein Maximum an Aroma zu entwickeln. Andere arbeiten mit langen, kühlen Garen über Nacht, was dem Brot Zeit gibt, komplexe Geschmacksstoffe aufzubauen. Und wieder andere kombinieren regionale Roggenmehle mit anderen Getreidesorten wie Emmer oder Dinkel, um neue Geschmacksprofile zu schaffen.
Das Ergebnis sind Brote, die sich von den industriell gefertigten Roggenbroten im Supermarkt so stark unterscheiden wie ein handgemachter Käse vom Schmelzkäse. Wer den Unterschied einmal erlebt hat, kauft anders ein.
Zu Hause loslegen: Ein paar ehrliche Tipps
Roggenbrote sind für Einsteiger durchaus eine Herausforderung – aber keine unüberwindliche. Wer mit einem Roggenmischbrot beginnt (etwa 50–60 % Roggenanteil), hat einen guten Einstieg. So profitiert man vom Roggengeschmack, hat aber noch genug Weizeneiweiß im Spiel, das den Teig etwas handlicher macht.
Ein paar Dinge, die wirklich helfen:
- Aktiver Sauerteig ist Pflicht. Ein müder, kaum aktiver Starter produziert kein gutes Roggenbrot.
- Nicht zu viel kneten. Roggenteige mögen keine übermäßige Bearbeitung. Einrühren reicht oft.
- Gärkörbchen nutzen. Weil Roggenteige wenig Formstabilität haben, brauchen sie Unterstützung beim Garen.
- Vollständig auskühlen lassen. Roggenbrot muss nach dem Backen mindestens 12–24 Stunden ruhen, bevor man es anschneidet. Klingt hart, ist aber wichtig für die Krumenstruktur.
Roggen als Identität
Am Ende ist das Roggen-Comeback mehr als ein Foodtrend. Es ist ein Stück Rückbesinnung auf das, was deutsche Brotkultur ausmacht. Kein anderes Getreide hat die Brotgeschichte dieses Landes so geprägt wie Roggen. Und kein anderes Brot erzählt so direkt von Landschaft, Klima und handwerklichem Können.
Dass all das gerade wieder wertgeschätzt wird – von jungen Bäckern, von neugierigen Hobbybäckern, von Menschen, die einfach wissen wollen, was in ihrem Brot steckt – das ist eigentlich eine richtig gute Nachricht. Roggen ist nicht retro. Roggen ist relevant.
Und wer jetzt Lust bekommen hat, selbst einen Laib anzusetzen: Einfach loslegen. Der erste Versuch wird vielleicht nicht perfekt sein. Aber er wird nach etwas schmecken. Versprochen.